ADHS-Coaching – neuer Blick auf ADHS

Monats-Archive: April 2020

Wie die spontanen Impulse eines Menschen mit AD(H)S im Umgang mit Social Media hilfreich sein können. Einige Überlegungen 

Gerade in den aktuellen Corona-Zeiten sind manche von uns häufiger auf den Social Media Plattformen unterwegs. Es gibt gut organisierte AD(H)S-Foren oder kleinere WhatsApp-Gruppen, die in diesen Zeiten ein Stückweit die Aufgabe von Selbsthilfegruppen übernehmen. Und natürlich die persönlichen Kontakte, die wir jetzt verstärkt online pflegen. 

Zudem gibt es im Internet unzählige Beiträge aus dem Bereich Lebensberatung, Persönlichkeitsentwicklung u. ä. Feeds und posts auf Instagram und Facebook, Videos auf YouTube, Podcasts oder kleinere Artikel auf den Homepages können von jedem Menschen, ob nun therapeutisch ausgebildet oder nicht, mit geringem Aufwand hergestellt und öffentlich gemacht werden. 

Wenn du gerade vermehrt solche Beiträge anschaust, hörst oder liest, sind folgende Überlegungen ggf. hilfreich für dich: 

Du hast deine Erfahrungen mit dem Symptom „fehlende Impulskontrolle“? Entweder reagierst du sehr prompt (mit „H“) oder du ziehst dich prompt sehr stark in dich zurück (ohne „H“)? Dem Bildschirm, vor dem du jetzt häufig sitzt, ist das egal! Deine Unsicherheit über deine Impulse mag bisweilen groß sein. Zu häufig hast du sie selbst problematisiert oder unangenehmes Feedback im Außen bekommen. Aber vor dem Bildschirm kannst du den Versuch starten, diese Impulse für dich einzusetzen. Wie geht das? Wenn du etwas im Internet liest, hörst oder anschaust, reagierst du wie üblich gefühlsmäßig manchmal sehr schnell darauf. D. h. dass du im Prinzip sehr schnell Zugang zu deinen Gefühlen hast. Und nun kommt der entscheidende Punkt: versuche nicht, deine Impulse runter zu dimmen, sie zu „kontrollieren“. Damit entscheidest du nämlich sofort, gleichgültig, warum du gerade so reagierst, dass deine Reaktion problematisch ist. 

Versuche es mal anders herum: du liest etwas, reagierst prompt mit einem starken Gefühl und … hörst dem zu, vertraust dem, was du gerade fühlst, spürst dem nach. Atmest dabei weiter, lässt es geschehen… In dem Moment passieren zwei Dinge: du hast erstens nicht sofort reagiert, und gehst zweitens dem nach, was in dir ist. Du machst deine Impulse nicht mehr runter und versuchst sie zu kontrollieren, sondern du regulierst deine Reaktion, indem du deinem ersten Impuls zuhörst, ihm im besten Fall lernst zu vertrauen. 

Ein Beispiel: 

Du interessierst dich für das Thema Meditation. Daher liest du einiges dazu. In einem Instagram-post stößt du auf die Aussage: „Meditation ist die Voraussetzung dafür, um glücklich sein zu können. Fang endlich an!“ Vielleicht spürst du einerseits Interesse. Ansonsten hättest du ja nicht angefangen, zu dem Thema zu lesen. Andererseits machen sich sofort ungute Gefühle breit. Vielleicht das: „Ach, ich kriege das doch wieder nicht gebacken.“ Oder: „Wenn ich anfange, hält das eh nicht lange.“ Damit machst du dich spontan runter. Interessant wäre aber zu schauen, warum das so ist. Was deine inneren Gefühle dazu sind, die dich entweder nicht starten oder schnell wieder abbrechen lassen. Du darfst es dir wert sein, dem auf die Spur zu gehen. Vielleicht ist Meditation nicht deins. Vielleicht machst du einfach lieber ein Nickerchen um abzuschalten, einen Spaziergang oder Sport. Oder du weißt, dass eine Meditation tiefe Gefühle auslösen kann, was dir zunächst Angst macht. Wenn du sofort deinen Impuls problematisierst, wirst du das nie erfahren. 

Oder vielleicht spürst du einen inneren Widerstand, wenn du die ultimative Aufforderung liest: „Fang endlich an!“ Als ob nur Meditation glücklich macht und alle Menschen, die es nicht tun, verloren sind. Glaube deinem inneren Widerstand, denn natürlich ist solch eine Aussage Unsinn. Es gibt viele Wege, um runterzukommen oder zu sich selbst zu finden. (Eine Randbemerkung: ich liebe Meditationen! Ich denke einfach nur nicht, dass es jedem Menschen so gehen muss!) 

Die meisten Menschen, die im Internet solche Beiträge zur Verfügung stellen, sind selbst auf der Suche nach Zufriedenheit und Glück. Wenn du auf einen Beitrag stößt, der dich zum Nachdenken anregt, dir den Raum für deine eigene Entwicklung lässt, dann kann das bereichernd sein. Aufpassen müssen wir, wenn Beiträge ultimativ formuliert sind, z. B.: 

„Komm raus aus deiner Komfortzone!“ Als ob ein Lebensbereich, in dem wir uns geschützt und sicher fühlen, schädlich wäre. Wenn es dir beispielsweise darum geht, aus einem gewohnten Trott herauszukommen, ist es wichtig sich zuzugestehen, dass wir bei einer Änderung unseres Lebens auf unser Schutzbedürfnis besonders achten müssen! 

Oder, ganz beliebt: 

„Denke positiv, dann hast du automatisch ein glückliches Leben!“ Da krabbelt sofort das Selbstkritik-Programm in uns hoch, denn wir wissen einfach, dass das nicht dauernd zu schaffen ist. Und in unserem Inneren spüren wir, ob mit oder ohne AD(H)S, dass wir dann nur auf einem Bein stehen würden und damit sehr wackelig. Wut, Trauer oder Angst gehören zu uns wie Freude und Liebe. Wenn wir anfangen, auf unsere Impulse zu horchen, werden wir uns nach und nach besser selbst verstehen. Und stabiler auf beiden Beinen stehen. 

Und ein letztes Beispiel, aus aktuellem Anlass quillt das Netz über mit Ratschlägen wie diesem: 

„Du hast während der Corona-Krise mehr Zeit für dich selbst? Nutze sie, um dich persönlich weiter zu entwickeln!“ Gehen wir mal von jemandem aus, der tatsächlich gerade mehr Zeit hat. Nichtsdestotrotz ist die Corona-Krise eben eine Krise und nicht einfach ein nettes Phänomen, das uns mehr Freizeit beschert. Es gibt so viel Neues, was uns zurzeit beschäftigen und auch Angst machen kann. Unser Gehirn ist damit häufig im Krisenmodus und hilft uns dabei, mit der Krise umzugehen. Nicht umgekehrt. 

Ich bin überzeugt, dass wir nach dem Ende der Corona-Pandemie häufig staunen werden, inwieweit unser Leben auch im Positiven verändert sein wird, weil wir jetzt alle kreativ mit diesem neuen Leben umgehen müssen. Ich persönlich hätte beispielsweise wohl nie ernsthaft mit Video-Coachings begonnen und freue mich jetzt über diese gute Erfahrung. Aber wir sollten unser Seelenleben nicht runtermachen, wenn es jetzt nicht auf Knopfdruck veränderbar ist. Geben wir uns tatsächlich die Zeit, die wir haben und die wir brauchen … Auch unseren Impulsen vor dem Bildschirm, wenn wir auf Social Media unterwegs sind! 

Wenn du mehr über mich und meine Arbeit erfahren oder mich kontaktieren möchtest, findest du hier alle Kontaktdaten: 

Homepage: https://boegecoaching.jimdosite.com 

Instagram: @meinankerplatz_coaching 

Facebook: Petra Böge 

Kommt gut durch diese Zeit! 

Herzlichst, 

Eure Petra Böge